Sprache Sprache Sprache Sprache Sprache

homeschooling

Veröffentlicht am 24.04.2020

 

Homeschooling - einstmals und heute

Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? Und vielleicht auch an den dazugehörigen langen Schulweg? Waren das nicht wunderbare Zeiten? So langsam fanden wir uns in im Bus zusammen, konnten endlich die Neuigkeiten austauschen, denn die wenigen Telefone, die es in den Haushalten gab, waren nicht unbedingt für unsere Plaudereien reserviert. Ja, und bei der vorletzten Haltestelle gab es doch tatsächlich noch die Möglichkeit, zur Erleuchtung über den verflixten Satz der lateinischen Übersetzung zu gelangen. Auf dem Rückweg gab es dann die ersten Tipps für Mathe, wichtiger aber war natürlich das Lästern – über die lieben Mitschüler*innen und das Lehrpersonal: Weißt Du schon, hast Du nicht. Ungemein befriedigend für alle Beteiligten.
Heute bringen Helikopter Eltern oder Großeltern die Kinder am liebsten bis an ihren Sitz ins Klassenzimmer.
Immerhin, bis vor wenigen Wochen gab es noch normalen Schulunterricht.

Homeschooling, das war so ungewöhnlich nicht, wurden doch die Kinder der höheren Kreise, und schon gar Mädchen, sehr oft zu Hause unterrichtet.
Zumindest Leserinnen werden das idyllische und etwas kitschige Bild der Schweiz vor Augen haben, so sie denn in ihrer Jugend mit dem Schweizer Mädchen Heidi in Berührung gerieten.
Heidi lebt nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrer Tante, die sie nun, da sie eine Stelle in Frankfurt antreten soll, dem Großvater, dem mürrischen Alm-Öhi übergibt. Wenig begeistert, gewohnt er sich jedoch schnell an sie, und auch der scheue Ziegenpeter wird zum Freund.
Heidi wächst wild auf. Die Natur wird ihr ganzes Umfeld.
Der Pfarrer weist den Alm-Öhi auf die Schulpflicht hin:
„Das Kind hätte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die Schule besuchen sollen“, sagte nun der Herr Pfarrer; „der Lehrer hat Euch mahnen lassen. Was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?“
“Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken“, war die Antwort.
„Dies war der letzte Winter, den das Kind so ohne allen Unterricht zugebracht hat; nächsten Winter kommt es zur Schule, und zwar jeden Tag.“
„Ich tu's nicht, Herr Pfarrer“, sagte der Alte unentwegt.

Also wächst Heidi weiter ohne jegliche Schule weiterhin frei wie ein Vogel auf.
Die Tante schlägt nun vor, sie als Gesellschaft für eine Kranke mit nach Frankfurt zu nehmen. Sie, die Tante erhält dort eine Stelle, und Heidi käme endlich in die Zivilisation.
Der freie Vogel gerät in einen Käfig. Weg sind die Berge, und für sie, die nie eingesperrt war, beginnt ein Homeschooling.
Sie trifft ein im Hause der kranken Klara und begegnet dem gestrengen Fräulein Rottenmeier.
„Was, erst acht Jahre alt?", rief Fräulein Rottenmeier mit einiger Entrüstung aus. Und was hast du denn gelernt? Was hast du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht?“
„Keine“, sagte Heidi.
„Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?“, fragte die Dame weiter.
„Das hab ich nicht gelernt“, berichtete Heidi.

„Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht lesen!“, rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus. „Ist es die Möglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?“
„Nichts“, sagte Heidi der Wahrheit gemäß.
Klara erklärt den Unterricht
„Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, und dann fangen die Stunden an. -  Doch, doch, Heidi, natürlich musst du lesen lernen.“

Sie lernt aber nichts bei Klaras Lehrer.
Schließlich erbarmt sich Klaras Großmutter der kleinen Heidi.
„Nun musst du mir was erzählen, Kind! Lernst du auch gut und kannst du was?“
„O nein“, antwortete Heidi seufzend; „aber ich wusste schon, dass man es nicht lernen kann.“
„Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?“
„Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer.“
„Aber sieh, Heidi, man muss nicht alles nur so hinnehmen, man muss selbst probieren.“
„Es nützt nichts“, versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebung in das Unabänderliche.
„Heidi“, sagte nun die Großmama, „Du hast noch nie lesen gelernt, ich sage dir fest und sicher, dass du in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie eine große Menge von Kindern. Du hast den Hirten gesehen auf der schönen, grünen Weide; sobald du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzählte, alles, was er macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm für merkwürdige Dinge begegnen. Das möchtest du schon wissen, Heidi, nicht?“

Angelockt von dieser neuen Methode erlernt Heidi nun innerhalb kürzester Zeit das Lesen
„Richtig saß hier Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor, sichtlich selbst mit dem größten Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt eindringend, die ihm aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu herzbewegenden Geschichten wurden.“
„Ich will dir nun immer, immer vorlesen; willst du, Klara?“

Ein gut funktionierendes System des Homeschoolings im 19. Jahrhundert.
Ein kleines Mädchen wurde zum Lesen gebracht über die Bilder seiner Schweizer Heimat, quasi über die Natur.
[Johanna Spyri (1827 – 1901): Heidis Lehr- und Wanderjahre, Perthes 1880]

Lernen und Homeschooling geht ganz anders im nächsten Buch
William Sidis wird von seinen Eltern, Boris und Sarah, nach der sogenannten ‚Sidis-Methode‘ erzogen.
Am Tag nach seiner Geburt:
„Erziehungsfehler führen zu Schäden, die sich aufs ganze spätere Leben auswirken. Noch haben wir alle Möglichkeiten, sie zu vermeiden. Um die Ernährung seines Gehirns kümmern sie (die Eltern) sich seltsamerweise viel weniger. William soll kein Geisteskrüppel werden. Kinder kommen erst mit sechs in die Schule. Das ist schon fast zu spät, um sie ans Lernen zu gewöhnen. Er wird rechtzeitig lernen zu denken.“
Bereits an der Wiege liest ihm seine Mutter griechische Sagen vor, in der Originalsprache.
Überhaupt erziehen sie den Sohn mehrsprachig. „Drei Muttersprachen sind nicht viel, aber allemal besser als nur eine.“
„Wir müssen William dazu bringen, dass er das Lernen als Spiel empfindet. Danach geht alles wie von alleine. Der unmittelbare Lustgewinn, den er dabei empfindet, ist ihm Lohn genug. Ein Kind, für das Spielen und Lernen ein und dasselbe ist, braucht keinen Zuchtmeister.“

Mit sechs Monaten spricht er sein erstes Wort, zwei Monate später einen ersten Satz. Er sitzt im Hochstuhl am Tisch, um auf Augenhöhe mit den Eltern dabei zu sein.
„Das ist gut für sein Selbstvertrauen. William soll sich nie wie ein Mensch zweiter Klasse fühlen, auch nicht, wenn er etwas falsch macht. Stattdessen bieten wir ihm ein gutes Exempel, von dem er sich etwas abschauen kann.“
An Hand von Bauklötzchen mit Buchstaben lernt er Wörter und Sprachen. Kein Wort, das er einmal gelegt hatte, vergaß er jemals wieder. Alles, was mit Sprache zu tun hatte, lernte er leicht.
Auch Lesen, er war erst zwei, gelang ihm ohne Probleme.
Im Altern von vier Jahren überrascht er seine Eltern mit der Bitte, so schnell wie möglich Griechisch und Latein zu lernen.
Um seine Fragen des Allgemeinwissens zu beantworten, wird ein Lexikon angeschafft, das er allerdings bald auswendig kennt.
„Das ganze Geheimnis von Billys Erziehung ist, dass wir ihm zeitig die Liebe zum Lernen eingepflanzt haben. Wir haben beschlossen, dass wir Billy von Anfang an wie einen Erwachsenen behandeln.“
Homeschooling. - Eine Grundschule lernt er erst kennen, als seine Eltern durch die Behörden dazu gezwungen werden, ihn einzuschulen.
Diese kurze Episode wird weder für den jungen William noch für die Lehrer ein Vergnügen. Innerhalb von sieben Monaten schafft er die siebenjährige Pflichtzeit. Mit kleinen Hindernissen, denn in der Sidis Methode gab es nämlich das Rechnen nicht. Und im Fach Leibeserziehung war er der Meinung, dies sei ein Synonym für Zeitverschwendung. Im Alter von acht Jahren hat er den Zugang zum Medizinischen Institut in Harvard, muss allerdings erst warten, bis er elf wird.
Seine weitere Karriere als Wunderkind und Genie soll an dieser Stelle nicht beschrieben werden. Er gilt als einer der intelligentesten Menschen aller Zeiten, mit einem IQ von 250 - 300.
[Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag, 2017]

Homeschooling, gepaart mit hoher Intelligenz und bester Methodik, führen offenbar zum Erfolg.

Sehen wir uns die heutigen Wochen an.
Von einem Tag zum anderen mutierten Eltern zu Lehrern, zwangsweise. Zwar leben wir in einer stark digitalisierten Welt, bekommen selbstverständlich Unterstützung durch eine Blätterflut der Pädagoginnen/Pädagogen.
Nicht alle aber haben z. Bsp. zu Hause die Möglichkeit zum Drucken, nicht alle werden gleichmäßig mit Material versorgt, usw. Nicht alle Kinder haben Tablets, Eltern brauchen den PC, wenn sie Home-Office machen. Disziplin ist angesagt, häusliche Enge wird manchmal zum Problem. Wir hocken aufeinander, und da sollen die Kinder auch noch lernen, gar doch ab und an ohne das nötige wechselseitige Feedback. Neuer Stoff soll nicht durchgenommen werden, nur alter vertieft. Nicht immer geschieht das. Über so viele Wochen? Nicht alle Lehrer halten sich daran. Die Nerven von Kindern und Eltern werden arg strapaziert, da wir es nicht gewohnt sind, im häuslichen Umfeld so regelmäßig zu pauken. Ja, und apropos pauken.
Dieses inzwischen etwas aus der Mode gekommene Wort ‚Pauker‘ für Lehrer*innen, das möchten vermutlich viele Schüler*innen liebend gerne mal wieder in den Mund nehmen, vor allem aber würden sie sie gerne mal wiedersehen.
Sehnsucht nach Schule, und endlich richtig in der Pause und (hm) im Unterricht – quatschen.

 

Johanna Spyri (1827 – 1901): Heidis Lehr- und Wanderjahre, Perthes 1880
ISBN-10: 1500925403 (link zu Projekt Gutenberg-DE)

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag, 2017 (link)
978-3-257-06998-3

© Text Ariane Niehoff-Hack, Frauen in der Einen Welt
Bilder: Dank an stockata.de

 

 
zurück zu "Literarisches Buffet"
weiter zu  "
MUSEUM ONLINE -  TECHNIK#Weiblich#Logisch"
zurück zur "Startseite"