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Gespräch mit der Kratzdistel II

Veröffentlicht am 18.08.2020

Ute:
Liebe Kratzdistel, Sie wollten mir heute von dem Highlight Ihres Sommers vor dem Museum erzählen. Wie war das?

Kratzdistel:
Also: Eines Tages waren so viele Menschen auf der Wiese wie nie zuvor.
Alle waren in froher und gelöster Stimmung, denn es begann eine Musik zu spielen, die alle Anwesenden verzauberte. Auch mich hatte dieser Zauber erfasst und wie in einem Rausch gab ich meinen Blüten die Erlaubnis, ihre Früchte dem Wind zu schenken und tanzend durch die Luft zu wirbeln. Einige Menschen versuchten, die Achänen zu fangen, andere lauschten der Musik und erlebten in diesen Augenblicken eine langersehnte Leichtigkeit und Freude.

In den Wochen danach spürte ich irritierende Veränderungen: Zuerst wandelten sich die Farben der späten Blüten. Sie nahmen eine violette Tönung an. Dann färbten sich die Blütenkörbchen wie kornreife Ähren und verflachten zu Schalen, die mühelos ihre letzten Früchte verwehen ließen. Ich verlor meine Biegsamkeit und konnte nur noch die  Hauptstängel aufrecht halten. Innen wurden sie trocken und begannen an der Wurzel abzubrechen. Um mich herum begannen auch die Blüten zu welken und wurden abgeschnitten. Wieder einmal kam diese Maschine knapp an meiner Wurzel vorbei und ich zitterte an jedem Stängel. Da dachte ich schon, meine Zeit sei abgelaufen.

Ute, Sie hielten viele Details dieser Phase mit Ihrem Apparat fest und ich hörte Sie sagen: „Dies ist die Schönheit des Alters. Macht doch nichts, wenn der Kopf strubbelig ist. Etwas wild und unsortiert – was soll´s?“

Ute:
Liebe Kratzdistel, ich glaube, wir sind recht weit gekommen mit unserem Gespräch. Ich möchte mich herzlich bedanken und Ihnen sagen, dass Sie meinem Sommer 2020 viel Sinn und Freude geschenkt haben. Ich war so neugierig und fühlte mich immer wieder jung durch die vielfältigen Entdeckungen. Bald werden die Museumsfrauen entscheiden, was mit Ihnen geschehen soll.

Kratzdistel:
Der Wind hat mit meinen Achänenfrüchten schon für die nächste Generation von Kratzdisteln gesorgt.

Ute:
Nun noch eine letzte Frage: haben Sie schon den Stieglitz gesehen, der Ihre Samen so sehr schätzt?

Kratzdistel:
Nein, der Stieglitz war noch nicht da, aber ein Eisvogel ruft seit Tagen vom Farrnbach her sein kurzes, scharfes „tiht“ und „ti-it“.

 

Gespräch mit der Kratzdistel I

© Text und Bilder von Ute Klauk, Frauen in der Einen Welt

 

 
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