Foto: privat
Valeria Sokolova – Alles war wie eine Zauberei
„Ich beneidete die Leute, die an einem düsteren, regnerischen Morgen mit Regenschirmen zur Arbeit gingen oder ihre Kinder mit Fahrrädern in den Kindergarten brachten. Ich beneidete die Menschen, die sich mit den Augen begegneten, einander zulächelten. Ich beneidete die jungen Leute, die in Zügen mit offenen Laptops auf dem Schoß, dicken Notiz- oder Lehrbüchern fuhren. Ich mochte das alles.
Ich wollte sofort versuchen, ein kleines Stück dieses mir neu gegebenen Lebens zu nutzen, um ein solches oder fast solches Leben zu führen: In meinem Beruf zu arbeiten, mit einem Laptop in Zügen zu fahren, über die Lösung irgendwelcher Aufgabe nachzudenken, in gelben Stiefeln und weißen Hosen zur Arbeit zu eilen, von der Arbeit nach Hause mit dem Fahrrad zu fahren. Ich wollte mich als freier Mensch in einem freien Land spüren. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, auf den letzten Zug aufzuspringen.“
Als die Ingenieurin für Mechanische Technik und Programmiererin Valeria Sokolova, vor 26 Jahren, schon fast im Rentenalter nach Deutschland kam, dachte sie, dass sie am Ende ihres Lebens stünde. In der Tiefe ihrer Seele hatte sie jedoch eine Hoffnung auf einen neuen Anfang, „ganz, ganz in der Tiefe“. Und was passierte war, dass ihr ein zweites, neues, wunderbares Leben gegebenen wurde. „Alles war wie eine Zauberei!“
Anfang der 1990er Jahre reichte ihr Gehalt an der Universität Rostow am Don, wo sie studiert und 30 Jahre im Computerzentrum gearbeitet hatte, nicht mehr zum Leben. Also ging Valeria Sokolowa mit ihrem Mann zunächst nach Moskau und brachte sich auf den neuesten Stand der Computertechnik, bis sie 1998 ausreisen konnten.
Anderthalb Jahre lernte sie Deutsch. Sie kreierte ihre erste Homepage mit Qualifikationsprofil und fand entgegen aller Voraussagen eine erfüllende Arbeit in einem innovativen Team von Computerfreaks. Was sie ihren jungen Kolleg*innen bis heute hoch anrechnet - sie war Gleiche unter Gleichen.
Und es gab noch eine wichtige Zauberei – die wichtigste:
Deutschland schenkte ihr ein gesundes, weiteres Leben. Sie bekam hier ein Medikament, durch das sie ihr schweres Bronchialasthma nicht fühlte. Zur Ruhe setzen wollte sie sich deshalb nicht. Als sie nicht mehr in ihr Büro ging, stellte sie fest, dass sie zwar gearbeitet und deutsch gelernt hatte, auch in der Nachhilfe für Migrantenkinder noch Nützliches leistete, aber gar nicht wusste, wo sie eigentlich gelandet war.
Also begann sie Nürnberg zu erforschen, schrieb einen Kulturführer in russischer Sprache und natürlich setzte und layoutete sie das Buch selbst. Drei Auflagen sind erschienen.
Foto 1, 2. und 3: Valeria Sokolova, Deutschland 2025.
©:
- Valeria mit Stiefeln: privat
- Valeria mit Laptop: Gaby Franger
Text © Gaby Franger, Frauen in der Einen Welt