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Nur Hausarbeit war erlaubt

Trude Neu Lindsey
Textildesignerin, Beschäftigungstherapeutin

„Meine Eltern und ich lebten 20 Jahre in der Petzoldstraße in Nürnberg.

1934 wurde die Fabrik meines Vaters von den Nazis beschlagnahmt.
1936 starb er.
Ein Jahr später wurde die Wohnung meiner Großmutter beschlagnahmt und sie zog zu uns.
1938 mussten wir Hals über Kopf unsere Wohnung verlassen und bei Freunden Unterschlupf suchen.
Die grauenvollen Ereignisse in Nürnberg machten es unumgänglich Deutschland zu verlassen.

1930 im Alter von 18 Jahren war ich an der Nürnberger Kunstschule angenommen worden.
Ich machte gute Fortschritte, durfte aber meine Ausbildung nicht beenden und wurde vor meiner Meisterprüfung von der Schule verwiesen.
Ich hatte Glück und konnte Kindern Kunstunterricht erteilen. Mehrere Jahre war ich Kinderfrau für zwei entzückende Kinder, mit denen ich bis heute in Briefverbindung stehe.

Design von "Trude Neu Lindsey" | ©  © Frauen in der Einen Welt

Dann kam die Nacht, von der wir dachten, dass es unsere letzte sein würde.
Die SS marschierte auf den Straßen, unsere jüdischen Nachbarn schrien und weinten; Möbel wurden zerschlagen, schreckliche Geräusche und die Angst, dass auch an unserer Tür geklopft werden würde. Unsere Koffer waren gepackt, bisher waren wir entkommen, aber würden wir auch diesmal davonkommen?

Ein Freund übersetzte meinen Lebenslauf und schrieb verschiedene Leute an.

Das deutschjüdische Flüchtlingskomitee in Nordirland übte die größte Anziehungskraft auf mich aus. Bald bekam ich Antwort auf meinen Brief und Aussicht auf Arbeit. Nur Hausarbeit war erlaubt.“

Meine erste Anstellung war von Anfang an ein Fiasko und dauerte weniger als eine Woche.
Ich sollte auf drei verwöhnte Kinder aufpassen, das jüngste noch kein Jahr alt. Die Mutter war sehr hysterisch, die zwei Dienstmädchen schrien, weil sie dachten, ich könnte sie dann besser verstehen.

Meine Mutter schaffte es, drei Monate später mit dem letzten Zug nach Holland und dann nach Irland zu kommen.

Design von "Trude Neu Lindsey" | ©  © Frauen in der Einen Welt

Als ich in Belfast eintraf, hatte ich drei Schillinge in meiner Geldbörse. Als Hausmädchen bekam ich fünf Schillinge pro Woche, zuzüglich Unterkunft und Logis.

Drei Monate später, im September 1939, war mein Vermögen auf elf Pfund angewachsen. Meine ganze Freizeit war erfüllt von Nähen, Stopfen und Kleiderändern. Ich bekam so ein Zubrot von wohlmeinenden Menschen, die wussten, wie gering unser Einkommen war.

18 Monate arbeiteten wir als Köchin und Zimmermädchen an zwei verschiedenen Orten.
Unser erster Arbeitsplatz war auf einem Landsitz zehn Meilen von Belfast entfernt. Das war ein großes Haus mit Stallungen für die Pferde und 20 bis 30 Hunden, die uns des Nachts oft wachhielten.

 

Mit Stoffentwürfen in ein neues Leben.

Wir mussten sehr schwer arbeiten, aber wir hatten auch Zeit zum Nähen und Sticken und um Dinge herzustellen, die wir verkaufen konnten. Obwohl wir nur die Köchin und das Zimmermädchen waren, nahmen wir mit unseren Arbeitgebern die Mahlzeiten ein und wurden ihren Gästen als „unsere Flüchtlinge Rose und Trude“ vorgestellt.

Es wurde jedoch zu viel Arbeit für meine Mutter, deshalb wechselten wir die Stelle.
Der Haushalt bestand aus vier Personen, den Eltern und zwei Töchtern von zwei und vier Jahren.

Anfang 1941 wurden wir selbständig, und von da an konnte ich mein Leben als Textildesignerin gestalten.

Design von "Trude Neu Lindsey" | ©  © Frauen in der Einen Welt

 

Fotos und Text © Frauen in der Einen Welt

Fotos und Text stammen aus unserem Ausstellungskatalog "La Bonne" (S. 41).
Die Ausstellung war 2018 im Museum Frauenkultur Regional International (damals im Marstall in Fürth-Burgfarrnbach)


 

Impressum der Ausstellung

 

Katalog "La Bonne"
zur Ausstellung 2025 "Hört die Stimmen der Frauen"

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