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"Um den Kopf herum" - TEXTILE TECHNIKEN

Veröffentlicht am 27.08.2022

Stoffe bedrucken, Stoffe färben – Kattundruck

Der erste Besuch bei zwei türkischen Stoffdruckermeistern fand 1986 statt.
Im Rückblick von mehr als 30 Jahren fällt auf, dass beide Drucker - entgegen der heutigen industriellen Großproduktion von Textilien - die Kopftücher, Schals und Umhänge hochwertig und kunstvoll im Verfahren mit Hand hergestellt haben. Ihre Auftraggeber waren Händler, weitverzweigt, in verschiedenen Gebieten türkischer Provinzen, und die Bestellungen der Händler über Muster, Farben und Motive gaben Auskunft über damals regionale Vorlieben von Kundinnen.

Zwei Tücher aus der Sammlung sind ein Beleg für regional gestellte Auftragslage:
Zwei Tücher, gedruckt in Istanbul, von zwei verschiedenen Meistern, in vergleichbar ähnlicher Motivanordnung, in unterschiedlichen Verfahren gedruckt, beide Tücher gekauft in Ankara.

„Harmaniye“ und „Riçe“ Baumwolle, Leinwandbindung

Tuch von Meister Serafettin, Istanbul
Motiv eines Blumengebindes in gelb-roter Musterung auf grünem Grund.
Blaudruckverfahren mit Modeln und Buntreserven.
Dieses Muster wurde speziell für Kundinnen in der Gemeinde Beypazarı, in der Provinz Ankara gefertigt.
1986 in Ankara für die Ausstellung erworben.

 

Baumwolle, Leinwandbindung Größe: Signatur HAS IS
Tuch von Meister Hasan, Istanbul
Motiv des mehrfarbigen Blumengebindes auf weißem Grund.
Siebdruck.
Bestimmt für den Verkauf in Ayas, in der Provinz Ankara.
1986 in Ankara für die Ausstellung erworben.

 

 

Modeldruck und Reservage

Druckmodel, Türkei
Das Relief mit dem kunstvollen Druckmotiv wurde von einem Formenschneider aus dem Holzstock herausgestochen.

 

Meister Hasan zeigt den Vorgang des Modeldrucks, 1986. Das erhabene Mustermotiv, mit Druckfarbe eingefärbt, wird per Hand auf den Stoff gedruckt, gestempelt. Der Vorgang lässt sich mehrfach wiederholen.

 

Drucken mit Holzmodeln zählt zu den ältesten Techniken, um Stoffe zu bemustern. Ähnlich alt ist auch das Färbeverfahren in Reservetechnik, z.B. Abbinden des Gewebes mit Fäden oder Abdecken des Gewebes mit Wachs (Batik).

Schnell fanden diese Techniken Verbreitung in verschiedenen Ländern Asiens, in Indien, Ägypten, Afrika, im vorkolumbianischen Amerika, in Europa. Die frühen Kenntnisse, einschließlich die der Herstellung von Druckfarben und Beizen, bilden die Grundlage für den sogenannten„Reservedruck“ mit Modeln, der Kattundruck auf Baumwolle, der Blaudruck auf Leinen.

Die Technik des Reservedrucks entspricht eigentlich mehr einem Färbe- als einem Druckverfahren. Statt mit Druckfarbe wird das Muster der Model mit einer Paste, dem „Papp", die „Reservage" auf das Gewebe aufgesetzt. Bei der Tauchung des Stoffes in ein Färbebad wird dadurch die Anfärbung der überdeckten Stofffasern verhindert. Schlussendlich, wenn der Stoff gewaschen ist, zeigt sich das Muster negativ im Originalton des freigelegten Gewebes.

Per Modeldruck werden Stoffe auch mit Beizenfarbstoffen vorbehandelt, die je nach chemischen Verhalten der Beizen im Färbebad verschiedenfarbige Musterungen ergeben, von schwarz bis hin zu rot, violett und braun. Stets bemühten sich die Werkstätten, die Techniken ihrer Färbeverfahren streng geheim zu halten.
Alizarin zum Beispiel, der Farbstoff der Krappwurzel, erzielt erst im Zusammenwirken mit Beizen aus Metallsalzen eine schöne und dauerhafte Färbung, und nicht bei direkter Anwendung.

 

MEISTER SERAFETTIN, Kattundrucker in Istanbul

In der Werkstatt von Meister Serafettin (links), 1986

„Mein Fachgebiet ist eigentlich die Blaufärberei. Zu meinem Großvater, meinem Onkel und mir haben sie ‚Die Blaufärber‘ gesagt. Wir haben einen guten Namen erworben. Wenn von Blaufärberei die Rede war, wurde mein Großvater damit in Verbindung gebracht: Kara Mustafa.

1976 Jahren habe ich aufgehört, Tücher zu drucken. Wir konnten sie nicht mehr verkaufen. Jetzt machen wir Stoffkunst für die Touristen nach unseren alten Verfahren.“

1984 druckte Meister Serafettin sein letztes Tuch in dieser Technik für einen Film der Universität Istanbul.

 

MEISTER HASAN, Kattundrucker, Istanbul

Meister Hasan bei dem aufwändigen Arbeitsvorgang der Färbung einer Kollektion von Tüchern. 2. Werkstattbesuch 1996

 

„Ich bin 1934 in Tokat geboren. Ich habe bei einem türkischen und einem armenischen Meister gelernt. Viele Armenier waren hervorragende Kunsthandwerker. Meister war, wer die Technik mit Alizarin1 zu färben beherrschte. Wenn Du lernen wolltest, musstest Du deinen Meister im Auge behalten, ihn auf Schritt und Tritt verfolgen, um alles, was er tat, sehen zu können.

1951 bin ich nach Istanbul gekommen. Meine Frau kam nach und arbeitete mit mir. Wir druckten die Tücher im Haus und wuschen sie im Meer. War Sommer, haben wir sie auch am Strand trocknen lassen. War Winter, mussten wir die Tücher ins Haus bringen, wo wir eine kleine Terrasse hatten, wo wir die Tücher aufhängen konnten.

Meine Tücher drucke ich nun mit Siebdruck. Mit dem Schablonendruck ist die besondere Eigenart der Kunst verschwunden. Wer auch immer zieht die Rakel herunter. Das ist Fabrikation geworden. Die Kunsthandwerker werden immer weniger."

1 Wurzeln der Rubia tinctorum, d. h. Färberkrapp

 

In der Siebdruckwerkstatt von Meister Hasan. Für jede gedruckte Farbe braucht es eine eigene Druckschablone. Tatsächlich ist der Vorgang des Siebdrucks technisch viel komplizierter als von Meister Hasan beschrieben. Aus ihm spricht die Seele des Kattundruckers. Hasan Sadi ist 1999 in Tokat gestorben. In der Fachwelt und unter Kennern zählt er als großer Künstler.

 

Fotos und Text: © Frauen in der Einen Welt e.V.

© Dieser Artikel (mit Fortsetzung in den folgenden blogs) wurde für den Ausstellungskatalog in Novi Sad geschrieben und dort in serbischer Sprache veröffentlicht.
Lisl Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević Šević, Oko glave: Različiti diskursi marate kao kulturnog označitelja, Marama kao kulturni označitelj, Katalog der Ausstellung, Novi Sad 2022.

[Diskurse um die Bedeutung des Kopftuchs]  [Mein Kopftuch]  [Kopftuchkulturen]  [TEXTILE TECHNIKEN] [Die Kunst der Frauen]  [Sticken für die fränkische Tracht]  [Das Kopftuch in der Mode]  [Bedecken - Nicht Bedecken. Konstrukte der Weiblichkeit]  [Resümee]

Ausstellungskonzept Novi Sad 2022
"Um den Kopf herum" Elisabeth Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević-Šević, mit einem Beitrag von Lale Yalçın-Heckmann
Diese Ausstellung basiert auf den Ausstellungen von Frauen in der Einen Welt:
Das Kopftuch. Nur ein Stückchen Stoff in Geschichte und Gegenwart 1986 und Kopftuchkulturen 2006 (Meral Akkent, Elisabeth Bala, Gaby Franger, Marie Lorbeer)

mehr im blog "Ausstellung Novi Sad Mai/Juni 2022"

 

weiter zur Ausstellung 2006 "Kopftuchkulturen"