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"Um den Kopf herum" - Das Kopftuch in der Mode

Veröffentlicht am 17.09.2022

Im Vergleich zur Rolle des Kopftuchs in der bäuerlichen Gesellschaft war das Kopftuch bis in die 1920er Jahre in der bürgerlichen Mode ein wenig beachtetes Kleidungsstück.

Seine einfache Herstellung - nahezu jedes Stückchen Stoff kann dazu verwendet werden - machten es als Merkmal für soziale Unterschiede wirkungslos, wie auch als wirtschaftlichen Faktor uninteressant. Haube und Hut boten dafür wegen ihrer raffinierteren Machart und der Verarbeitung kostbarer Materialien mehr Möglichkeiten.

In der bürgerlichen Gesellschaft war das Kopftuch kein Kleidungsstück, das als Prestigegewinn, als Zeichen gesellschaftlichen Aufstiegs hätte verwendet werden können.

Im Laufe der rapiden industriellen Entwicklung des letzten Jahrhunderts entstand in den prosperierenden Großstädten zwangsläufig ein großer Bedarf an billigen Arbeitskräften. Viele Landmädchen, in Tracht und Kopftuch, zogen auf Arbeitssuche in die umliegenden Städte.

Ein Dienstmädchen oder eine Küchenhilfe in „gehobener Stellung“ legte als erstes ihr Kopftuch, das Zeichen für ländliche Herkunft, ab und trug stattdessen ein Häubchen, angepasst an die modischen Vorstellungen ihrer „Herrschaft“. Tracht und Kopftuch waren gleichbedeutend mit arm und provinziell.

Bei Schmutzarbeiten wurde die praktische Verwendung des Kopftuchs als Arbeitsschutz gesehen. Dementsprechend erschien das Kopftuch vor allem in den Werbeanzeigen der Frauenjournale, als eine Art Symbol für die putzwillige Hausfrau in der Küche, das Heimchen am Herde.

 

Sehen Sie nicht, dass ich beim Friseur war?
Dagmar Dieterich, 1978

 

Für die Haute Couture ist das Kopftuch lange Zeit kein Thema, abgesehen von kurzlebigen orientalischen Schwärmereien, bei denen sich die Dame von Welt in Pumphosen und Seidenkopftuch zu gefallen hoffte.

Erst als das von der Frauenbewegung initiierte neue Körper- und Freiheitsgefühl Einzug hielt, findet das Kopftuch als salonfähiger Bestandteil Aufnahme in die Haute Couture. Coco Chanel ist die herausragende Vertreterin dafür. Sie bestand auf dem Recht der Frau nach Bequemlichkeit und Freiheit in der Bewegung, kürzte die Rocklänge bis über die Knöchel, ließ die Taillenlinie nahezu verschwinden und knüpfte, schlang und drapierte Kopftücher über den neu „erfundenen“ Bubikopf. Nun wurde das Kopftuch chic, beim Segeln, beim Autofahren, beim Flanieren.

Modisch gekleideten muslimischen Frauen, die sich bedecken wird heute jedoch auch von feministischen Kritikerinnen abgesprochen, dass sie selbstbestimmt und jenseits politischer Zwänge eigene Entscheidungen treffen könnten.

Als Dolce & Gabbana begann, muslimische Mode anzubieten, rief beispielsweise die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter zum Boykott der Marke auf. Ihr Vorwurf lautete, an der Unterdrückung von Frauen durch den Schleier verdienen zu wollen.

Die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions", sorgte 2018 sowohl in San Franzisco als auch 2019 in Frankfurt für Furore. Mit dieser Mode verbinden strenggläubige Musliminnen und Jüdinnen Mode und Tradition. Der Stil polarisiert. Die Ausstellung in San Franzisco - die kurz nach dem von Trump verhängten Einreisestop für Muslim*innen stattfand - führte dort zu einer Solidarisierung der Besucher*innen. In Frankfurt gab es schon vor der Übernahme der gleichen Ausstellung einen lauten Aufschrei mit dem Vorwurf: Das Museum verharmlose das Kopftuch und die Unterdrückung muslimischer Frauen.

 

Fotos und Text: © Frauen in der Einen Welt e.V.

© Dieser Artikel (mit Fortsetzung in den folgenden blogs) wurde für den Ausstellungskatalog in Novi Sad geschrieben und dort in serbischer Sprache veröffentlicht.
Lisl Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević Šević, Oko glave: Različiti diskursi marate kao kulturnog označitelja, Marama kao kulturni označitelj, Katalog der Ausstellung, Novi Sad 2022.

[Diskurse um die Bedeutung des Kopftuchs]  [Mein Kopftuch]  [Kopftuchkulturen]  [TEXTILE TECHNIKEN] [Die Kunst der Frauen]  [Sticken für die fränkische Tracht]  [Das Kopftuch in der Mode]  [Bedecken - Nicht Bedecken. Konstrukte der Weiblichkeit]  [Resümee]

Ausstellungskonzept Novi Sad 2022
"Um den Kopf herum" Elisabeth Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević-Šević, mit einem Beitrag von Lale Yalçın-Heckmann
Diese Ausstellung basiert auf den Ausstellungen von Frauen in der Einen Welt:
Das Kopftuch. Nur ein Stückchen Stoff in Geschichte und Gegenwart 1986 und Kopftuchkulturen 2006 (Meral Akkent, Elisabeth Bala, Gaby Franger, Marie Lorbeer)

mehr im blog "Ausstellung Novi Sad Mai/Juni 2022"

 

weiter zur Ausstellung 2006 "Kopftuchkulturen"